Alles begann, als…

die Trümmer meiner blinden Liebe über mir zusammenkrachten. Mir wurde klar, dass ich, egal wohin ich ging, die Ketten meiner weiblichen Ahnenlinie mitschleppte: Das Gefühl der Minderwertigkeit, der Wut und der Einsamkeit. Doch meine Opfer brachten weder die Versöhnung, noch das Glück, nach dem ich mich so sehnte. Die göttliche Lösung, für die ich gebetet hatte, kam nie.

Konfrontiert mit der Last meiner Familie, die ich mit mir herumtrug, kam die Wunde mit meiner Mutter zum Vorschein.

Hier kannst du dir meine Fotoserie über die Mutterwunde ansehen.

Die Lebensmodelle, die ich von meiner Mutter gelernt habe, waren geprägt von Konflikten, Misstrauen und Rivalität gegenüber anderen Frauen. Solange ich denken kann, liess mich meine Mutter ihren Schmerz durch ihre Abwesenheit und ihre Wut spüren. Sie kam entweder zu spät oder gar nicht in den Kindergarten, wütete bei der Schulversammlung, fehlte bei meinen Vorstellungen oder verpasste mir eine Tracht Prügel, wenn mir ein Fehler passierte. Ich nahm meine Mutter als eine Göttin wahr, die Schönste aller Mütter, doch irgendwie immer böse auf mich und mit den alltäglichsten Situationen überfordert. Diese Überforderung liess sie offenkundig an anderen Menschen aus– besonders an mir. Die einzige Möglichkeit, nicht zu sterben, bestand darin, mich an ihre Hand zu hängen und im Tempo ihrer hektischen Absätze mitreissen zu lassen.

 
 

Überzeugt, dass ich es halt so verdient hatte– dass ich schlicht verdammt sein musste, schluckte ich meinen Zorn runter. Ich fügte mich in mein Schicksal und fand mich mit dem ewigen Konflikt ab.

 

Seit ich klein war, hatte ich das Gefühl, dass die Beziehung zwischen meiner Mutter und ihrer Mutter zerrüttet war. Ich erinnere mich, dass es unmöglich war, meiner Mutter zu gefallen. Und doch war es das, wonach ich mich im Leben am meisten sehnte.

Das Leben wollte es, dass meine Oma väterlicherseits eine selbständige, liebevolle, integre Frau war – eine Weltenbummlerin mit Kamera, lauten Pupsen und geistiger Neugierde. Oma Irmgard, “Om”.

Sie war mein Schutzengel und ist es bis heute. Bei ihr lernte ich emotionale, kreative und spirituelle Freiheit. Ich ging in den Wald, um mich stundenlang mit der Natur zu verbinden, oder ich malte oder arbeitete in ihrem riesigen Garten. Oma Irmgard war der Anker, der die Zustände zu”hause” irgendwie ausglich. Während die Wutausbrüche meiner Mutter für mich zur Normalität gehörten, war der Besuch bei Oma Irmgard für mich und meine Brüder der Himmel auf Erden. Als Om starb, begriff ich, wie sehr die Sehnsucht nach einer Mutter noch in mir brannte. Nach und nach begriff ich, dass ich sie im dunkelsten und schmerzhaftesten Teil meines Seins suchen musste, meiner Mutterwunde.

 

Híkuri: Die heilige Medizin

 
Bildschirmfoto+2021-12-19+um+23.58.42.jpg

Großvater Peyote

Am Tag der Toten erlebte ich in Mexiko meine erste Peyote-Zeremonie. Ich hatte den tiefen Wunsch, mich wieder mit meiner Oma “Om” zu verbinden, die erst kurz zuvor verstorben war. In dieser Nacht sah ich meine Grosseltern im Herzen des Feuers als zwei tanzende, farbenfrohe Flammen, die vereint waren und hell vor Liebe und Hoffnung leuchteten. Es war ein Gefühl voller Dankbarkeit und Freude, das sich anfühlte wie eine Versöhnung mit meiner Vergangenheit. Doch statt Antworten zu geben, warf mein Erlebnis nur noch mehr Fragen auf: Wenn Peyote so tief in mein Herz blicken konnte, konnte er mir etwa helfen, die Wunden meiner Alten zu heilen? Könnten sein erdiger Geschmack und seine süsse, liebevolle Essenz mir helfen, die Angst vor Ablehnung als Tochter meiner Mutter zu überwinden? Was eine einmalige Erfahrung zu sein schien, wurde zu einer Reise in die Tiefen meines Stammbaums.

Ich fragte eine Heilerin in Mexiko

Sie gab mir 3 Reiki Sessions und legte mir die Tarot Karten. In den Sessions weinte und weinte ich und sie sagte ein ums andere Mal: “No estas sola” — Du bist nicht allein. Denn ich fühlte mich mutterseelenallein - im wahrsten Sinne des Wortes. Jedes Mal nach den Sessions passierte etwas Magisches. Nach einer sehr intensiven Session zum Thema Fülle (was Selbstwert bedeutet), fand ich viel Geld auf der Strasse… Und die Karten, die sie mir legte, sagten es alles:

1

Die Wunde anerkennen.

Persönlich, systemisch, kulturell & spirituell

Das ständig mitschwingende Zerrissenheitsgefühl im Leben wegen Konflikten der Vorfahr*innen, verkörpert durch den Leidenszustand meiner Eltern während meiner Zeugung. Uff.

Die Karten laden dazu ein, den alten Wunden gegenüber Mitgefühl zu zeigen und sich von dem falschen Loyalitätsgefühl gegenüber dem Clan zu lösen, bei dem man den Schmerz der Alten als den eigenen wahrnimmt. Es wird zu Mut eingeladen und dazu, das eigene Licht und die einzigartigen Gaben, die wir mit in die Welt bringen, erstrahlen zu lassen.

2

Heilsame Veränderung.

Auf die Mutter zugehen oder Abstand nehmen

Sich für immer von den überholten und veralteten Glaubenssystemen zu lösen, um das lähmende Gefühl von Schuld, Scham und innerem Konflikt zu überwinden. Lernen, innere emotionale Reife zu kultivieren, Tod als Transformation und Abwerfen alter Schichten, gleich einer Schlange, die sich aus dem windet, was sie nicht mehr ist. Zuflucht in die einzig ewige Konstante: Die Veränderung. Evolution, Ausdehnung, Kreislauf von Leben-Tod-Leben in neuer Form.

3

Die innere Mutter stärken.

Unsere wichtigste Bindung mit uns selbst finden

Die Sieben der Stäbe ist ein Glücks- und Lichtbringer (meine absolute Lieblingszahl + Hausnummer als Kind) und weist darauf hin, dass ich die Emotionen heilen kann, die mir von meinen Eltern aufgezwungen wurden, indem ich die männliche und die weibliche Energie integriere, die durch den König der Münzen symbolisiert wird, d.h. making money und die Gaben der Königin des Feuers, d.h. die Macht von Pleasure und dem eigenen Feuer der Lust. Rrra!

 

The Rise of the Goddess

 
bum.jpg

Tag für Tag, Monat für Monat begann ich, die Kette des Leidens, die ich getragen hatte, ein wenig mehr zu entschlüsseln. Ich verstand den Missbrauch des Patriarchats an Generationen von Frauen und ihrem medizinischen Wissen. Ich verstand, dass wie eine Matrioschka, ich als Tochter meine Mutter und ihre gesamte weibliche Ahninnenlinie in mir trug. Blind, taub und tastend wagte ich Schritt für Schritt, mich mit Frauen zu verbinden, um zu heilen. Ich wurde so belohnt. Es gab eine Welt da draussen, in der sich Frauen gegenseitig halfen, respektierten und feierten.

Einen Raum zu finden, in dem ich in aller Verletzlichkeit mein Herz öffnen konnte und mit wohlwollenden Augen gesehen wurde, in dem mir ohne Vorurteile zugehört wurde, ist wohl das grösste Geschenk, dass mir passieren konnte. Als ich meine Glaubenssätze langsam transformierte, indem ich mich der Selbstliebe zuwandte und mich selbst bemutterte, begannen sich die Dinge in meinem Leben zu verändern. Ich fühlte mehr Verbundenheit, mehr Liebe, mehr Fülle und ein tieferes sexuelles und spirituelles Erleben. Ich möchte dir sagen, Schwester, dass die Mutterwunde sich nicht von heute auf morgen heilen lässt. Vielmehr ist es der Entschluss, die Beziehung zur eigenen Mutter zu transformieren, alles ans Licht zu holen, was wehtut und sich Rituale zu schaffen, um dem kleinen Mädchen in uns eine gute Mutter zu sein. Es ist ein unglaublich mutiger, revolutionärer Akt. Mich in schwierigen Momenten von einem tribe gehalten zu fühlen, ist für mich unbezahlbar und gibt mir die Kraft, um dir dieses Wissen weiterzugeben. Viva la vida!